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Reisebericht aus China 2018 – der neuen Supermacht Euroasiens

Im September 2018 verbrachte ich das erste Mal zwei Wochen in China. Ich besuchte bekannte Städte wie Hongkong und Macau und entdeckte mir noch unbekannte Metropolen wie Guangdong, Hangzhou und Xiamen.

Ich reiste alleine und hatte zahlreiche Termine mit Firmen für künstliche Intelligenzen, Start-ups, Inkubatoren, Vertretern von Behörden, aus der Politik und Verwaltung.

Dabei wurden mir auch zahlreiche Großprojekte gezeigt, Konzerne besucht und Touren organisiert.

Dieser Artikel ist mein persönlicher Einblick in die Kultur, Wirtschaft und das System Chinas des Jahres 2018. Sicherlich ist dies nur ein erster Eindruck und nicht umfassend. Doch ist dieser Artikel spannend für alle, die das Reich der Mitte beobachten und gerne besser verstehen, was die Supermacht China vorhat.

Zuerst gehe ich auf meine einzelnen Reiseziele ein und beschreibe anschließend das Land, Kultur, Essen, Leute und Überwachung.

Am Ende gebe ich einen Ausblick, wieso ich China für die Supermacht des 21. Jahrhunderts halte, wieso wir eine Krise zu erwarten haben und welche Rolle Europa einnehmen kann.

Hongkong – die Stadt aus Blade Runner

Der erste Eindruck von Hongkong war, dass diese Stadt als Vorlage für Blade Runner existierte. Hongkong ist laut, grau, dreckig, modern, asiatisch und doch international. Eine Stadt wie Hongkong spielt in einer eigenen Liga mit New York, London, Singapur und Shanghai.

Armut und Reichtum werden nur durch ein Meer von Wolkenkratzern getrennt. Auf engstem Raum leben über 7 Millionen Menschen umgeben von Inseln, Meer und Hügeln.

Es ist eine der teuersten Städte der Welt für Immobilien. Man kann sehr gut essen, trinken, feiern und in modernsten Apartments leben.

Landschaftlich ist die Stadt schön, eingebettet in ein grünes Umland. Wobei nur deutsche Touristen bei 35 ° tropischen Temperaturen auf die Idee kommen, wandern zu gehen.

Manche Gassen sind ungemein dreckig und stinken elendig. Gleich daneben gibt es Straßenzüge mit den teuersten Einkaufsmöglichkeiten überhaupt. Jede westliche Luxusmarke ist hier vertreten und die Geschäfte sind voll. Vor den Boutiquen von Rolex, Gucci und Versace bilden sich Schlangen. Der Konsum innerhalb dieser Stadt ist unfassbar.

Macau – den Besuch nicht wert

Für einen Abend nahm ich die Fähre rüber nach Macau. Ich war neugierig auf das „Las Vegas“ Asiens. Mein Fazit ist nüchtern. Macau ist ein Kaff mit Casinos. Wie bereits in Singapur erfahren, sind asiatische Casinos eher wie Drogenhöllen als ein Ort des Spaßes. Es gibt nicht mal ordentliche Pokertische.

Die Stadt ist unscheinbar, verwinkelt und keine Freude.

Typhoon Mangkhut & Einreise

Zu Fuß ging ich dann über die Grenze nach Zhuhai, China. Irgendwie mögen die Chinesen meine letzte Reise in die Türkei nicht. Ich wurde bei der Passkontrolle abgeführt und durfte mich dann eine Weile einigen Fragen ergeben. Fünf Gespräche später entschied dann jemand mit genügend Autorität, dass ich einreisen darf. Natürlich wurden vorher fleißig meine Fingerabdrücke und Fotos gesammelt. Ab jetzt war ich offiziell im Überwachsungssystem katalogisiert.

Eigentlich war nun eine Konferenz in Zhuhai geplant, auf der ich einen Vortrag über die internationale Künstliche-Intelligenz-Industrie halten sollte. Leider spielte die Natur nicht mit. Ich durfte meinen ersten Super Typhoon (Mangkhut) erleben.

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Die Konferenz wurde abgesagt, Teile der Stadt wurden evakuiert. Meine Gastgeber fuhren mich weiter ins Inland und quartierten mich für einige Tage im Hotel ein.

Es gibt Schlimmeres als mit Sauna, Pool und Fitnessraum eingesperrt zu sein, während draußen ein Megasturm wütet. Schau Dir ruhig die Videos an aus der Stadt, wo ich eigentlich hätte sein sollen.

Am Tag nach dem Sturm wurden fleißig alle Schäden beseitigt und ich besuchte die Universität Wui. Dort gab es eine gemütliche Teezeremonie im nostalgischen Büro des Präsidenten.

Hangzhou – China denkt sehr groß

Von Guangdong flog ich nach Hangzhou unweit in der Nähe von Shanghai. Dort wurde ich zwei Tage vom Ministerium für Industrie und Technologie begleitet. Eine Delegation von Mitarbeitern des Ministeriums holte mich vom Flughafen ab und hatte einen minutiösen Zweitagesplan ausgearbeitet.

In diesem Zuge konnte ich Dutzende Firmen besuchen. Von Start-ups bis zu mehreren börsennotierten Konzernen war einiges dabei. Ebenso besuchte ich einige Großbauprojekte, Technologieparks und es gab eine Bootstour durch ein Naturschutzgebiet mit anschließendem Museumsbesuch.

Vor einigen Jahren wurde ein 8.000 Jahre altes Kanu gefunden. Was machen die Chinesen? Statt es auszubuddeln, bauen sie ein neues Museum um das Kanu drum herum. Wieso auch nicht?

Xiamen – ein Urlaubsort, der Wirtschaft braucht

Die letzte offizielle Station war die Insel Xiamen, gegenüber von Taiwan.

Hier sprach ich auf einer Konferenz vor Vertretern der lokalen Regierung, von Universitäten und gab sogar mein erstes Interview für eine chinesische Zeitung.

 

Nun gehe ich weiter auf meine Beobachtungen ein, natürlich garniert mit meiner Interpretation der Situation.

China baut eine moderne Welt

Wenn mich etwas eindeutig beeindruckte, dann das chinesische Bauwesen. So was habe ich noch nie gesehen. Weder in den USA, Brasilien, Mexiko, Europa oder Russland. Während wir Berliner nicht mal einen Flughafen bauen können, werden in China binnen eines Jahrzehnts ganze Städte gebaut. Und hier handelt es sich nicht um amerikanischen Billigschrott, sondern alles High End.

Die Hotels, Geschäfte, Restaurants – alles vom Feinsten. Die Anlagen sind modern, monumental, durchdacht, schick und stilvoll. Obwohl die chinesische Kultur bereits Tausende Jahre alt ist, wird hier einige Klassen über Europa gebaut.

Die Chinesen denken dabei in Generationen und nicht in Legislaturperioden. Ich durfte gleich mehrere dieser neuen Städte sehen. Überall entstehen Technologiezentren für Start-ups und binnen von drei Jahren werden 2.000 Firmen angesiedelt.

Da werden komplett neue Stadtteile für Millionen von Menschen gebaut. Inklusive kompletter Infrastruktur mit Nahverkehr, Schulen, Universitäten, Parks, Wohnungen und Büroanlagen.

Besonders der Ort, wo 2016 der G20-Gipfel stattfand, war beeindruckend.

Dabei werden von Anfang an auch Cluster geplant. Ich besuchte Financial Town (nur für Fintech) oder Turing Town (nur für künstliche Intelligenz). Und dabei dachte ich mehrmals, wie schön diese Cluster angelegt werden mit viel Wasser, Grün, Kanälen und modernen Büros.

Und egal, wo man unterwegs ist in China, es wird gebaut. Ohne Frage ein Grund, wieso die chinesische Kultur weiterhin so gut läuft. Man möchte 1 Milliarden Menschen auf westlichen Standard upgraden. Das ist doch mal ein Unterfangen.

Essen – echte chinesische Küche

Das Essen war fantastisch. Weil ich viel mit Chinesen unterwegs war, haben meistens diese bestellt. Und es schmeckte jedes Mal.

Wir saßen immer an runden Tischen. Die Gerichte wurden auf eine Platte gestellt. Jeder nahm sich aus den diversen Schüsseln. Es gab Unmengen zu essen, ich wurde immer satt und oftmals wurde nicht aufgehört, neue Speisen zu bringen.

Die Vielfalt ist wunderbar. Selbst die Buffets abends in den Hotels hatten einen Umfang, welcher ungewöhnlich war.

Grundsätzlich ist Essengehen mit Chinesen gesellig. Man lachte, redete viel und es kam meistens eine lockere Atmosphäre auf.

Mir fiel auf, dass der Gastgeber dem Gast immer persönlich einschenkte. Der Gast fängt mit dem Essen an, alle anderen warten. Natürlich sind Stäbchen Pflicht, doch ich hatte meinen Spaß daran.

Zum Essen gab es dann Tee, warmes Wasser oder Kokosmilch. Der Tee in China schmeckt übrigens fantastisch. Ich bin normalerweise kein Teefreund, doch China belehrte mich eines Besseren.

Chinesen sind sehr großzügig

Ich empfand Chinesen als ungemein großzügig. Ob man von einer Behörde eingeladen wurde oder Privatpersonen; man wurde umfassend versorgt. Hotels wurden einem gebucht und bezahlt, oftmals in der 5-Sterne-Klasse.

Am Flughafen wird man von 3 Personen empfangen, mit Blumen und privatem Fahrer.

Das Essen wird auch immer bezahlt, genau wie die Flüge.

Dazu gab es ständig Geschenke. Ich hatte erwähnt, dass mir der Tee schmeckt. Am nächsten Tag gab man mir 2 kg vom feinsten Tee in schicker Verpackung mit.

Ich erwähnte, dass ich gerne für meine Frau ein paar Seidenschals kaufen würde. Anstatt mich in eine Einkaufsregion zu fahren, übergab man mir zum Frühstück hochwertige Seidenprodukte für meine Ehefrau.

So eine Gastfreundlichkeit hatte ich lange nicht mehr erfahren. Die Chinesen freuen sich über Besuch und legen viel Wert darauf, dass es einem gut geht.

Langer Small Talk und wenig Business

China ist bekannt dafür, dass es länger dauert, Beziehungen zu entwickeln. De facto spricht man tagelang Small Talk. Man redet über die Familie, Hochzeiten und Mietpreise. Erst beim zweiten oder dritten Treffen kann man Projekte ansprechen.

Politik wird vermieden.

Jedoch wenn man sich öfters getroffen hat, tauen die Chinesen auf. Welche anfangs sehr reserviert wirken, werden irgendwann lockerer und die Distanz baut sich ab.

Ich bin sehr gespannt, wie nachhaltig diese Kontakte sind, und ob sich daraus geschäftliche Projekte entwickeln. 

In China zählt Dein Netzwerk

Obwohl das Land stark digitalisiert, zählt das persönliche Netzwerk enorm. Ich selber bin großer Freund von aktiven Netzwerken (siehe Netzwerk ist alles), doch die Chinesen leben dies noch mal extremer. Hier läuft alles über Kontakte, ob Bewerbungen, Investoren, Aufträge oder Büros.

Was wir in Deutschland als Vetternwirtschaft bezeichnen, ist in China gewolltes System.

Ich fragte einen Start-up CEO, wie er in das angesehene Programm gekommen ist. Er meinte nur „a friend knows the boss“.

Wir Deutschen mögen dies eher nicht. Es fördert Korruption und Intransparenz. Doch in China funktioniert es besser als bei uns.

Übrigens ist unsere Start-up-Welt ähnlich. Ob Büros, Mitarbeiter oder Kapitalgeber – alles läuft über das Netzwerk. So gesehen ist die Digitalbranche keinen Deut besser. Vielleicht ist es einfach nur menschlich, dass wir Beziehungen aufbauen?

Auch interessant ist es, dass chinesische Firmen sich mit ihren Beziehungen zum Staat rühmen. Fast jede Firma hat einen Showroom, wo aktuelle Produkte gezeigt werden. Dabei findet man auch Galerien mit Bildern von Abgeordneten und Lobpreisungen auf die Partei.

In China ist der Staat nun einmal der größte Auftraggeber. Zudem der Staat tiefe Taschen hat und massiv investiert. Unternehmen arbeiten sehr gerne mit dem Staat in China – dieser zahlt gut und hat Reputation.

Wir in Deutschland stecken lieber 70 % unserer Steuereinnahmen in Sozialleistungen statt in die Zukunft.

Big Brother is always watching you

Zuerst muss ich sagen, dass ich mich sehr sicher in China gefühlt habe. Selbst in ärmeren Gegenden war es nie so schlimm wie in Mexiko, den USA oder Berlin.

Keiner zieht einen über den Tisch. Taxifahrer geben einem unaufgefordert eine Quittung. Man sieht nie Polizei oder das Militär auf den Straßen.

Hier spreche ich ein Lob aus, denn man kann Tag und Nacht jederzeit auf die Straße gehen.

Doch natürlich hat dies auch seinen Preis.

Die große Firewall existiert. Anfangs benutzte ich eine SIM-Karte aus Thailand (4 GB, 8 Tage, 20 €) und konnte frei surfen. Als ich dann auf eine chinesische SIM-Karte wechselte, gab es kein westliches Internet mehr. Es ist schon nervig, wenn E-Mails (Gmail), Browser (Google), Facebook, WhatsApp, LinkedIn nicht mehr gehen. Ich nenne es mal erzwungenen digitalen Detox.

Sicherlich kann man einen VPN nutzen, doch der funktioniert nur im WLAN und die Bandbreite wurde massiv eingeschränkt. Wer mit Modemgeschwindigkeit auf Google surft, der verzichtet lieber ganz.

Ähnlich wie in London gibt es natürlich überall Überwachungskameras. Irgendwann fällt es einem nicht mehr auf.

Halten wir fest: keine Polizei, wenig Verbote und gefühlte Sicherheit. Es scheint zu funktionieren. Doch gleichzeitig fühlt man sich konstant beobachtet. Man ist nie wirklich alleine. Mir war immer bewusst, dass ein Gesichtserkennungsalgorithmus dem System jederzeit mitteilte, wer ich bin, was ich mache und wohin ich mich bewege.

Doch dann überlegt man auch, wofür man die Privatsphäre braucht. In 99 % aller Situationen ist es egal, ob man gefilmt wird oder nicht. Wir Menschen bilden uns viel zu oft ein, dass unsere Handlungen relevant sind.

Eine psychologische Mauer um das Land

Ich hatte das Glück, mit recht gebildeten Chinesen zu sprechen. Einige davon hatten in Deutschland studiert, promoviert und gearbeitet – daher bestand auch der erste Kontakt.

Meine Gesprächspartner waren ungemein weltoffen und es war sehr spannend, auch mit Chinesen zu sprechen, welche weniger reisen durften. Ich schreibe bewusst „durften“, denn per Definition kann man China ohne Erlaubnis nicht verlassen.

Das Thema eines Einparteisystems wird nicht hinterfragt, denn es funktioniert anscheinend wunderbar. Ganz im Kontrast zu dem Mehrparteisystem der Europäer und Amerikaner, die sich gegenseitig zerfleischen.

Hier wird der Diskurs innerhalb der Partei ausgetragen und nicht zu einer Reality-Politikshow pervertiert.

Wer in China aufgewachsen ist, mit der bestehenden Überwachung, der hinterfragt diese nicht. Was man nie hatte, vermisst man selten.

Ich lernte viele intelligente Menschen kennen, doch keiner war radikal oder belehrend. Die Kultur ist Tausende Jahre alt. Das System ist ungemein tief verankert und es besteht Vertrauen in den Staat, die Führung und die Autoritäten.

Der Staat ist das System

Wenn man Xiamen besucht, gibt es ein großes Schild, welches sagt: „Ein Land, zwei Systeme“. Damit wird darauf angespielt, dass Hongkong, Macau und Taiwan Teile von China sind – diese das nur noch nicht begriffen haben.

Wer Hongkong oder Macau besuchen möchte, braucht ein Visum. Diese gibt es alle 30 Tage. Für geschäftliche Tätigkeiten gibt es Ausnahmen.

In Hongkong und Macau gibt es eine eigene Währung, man fährt links und hat eigene Mobilfunknetze.

Meine erste Einschätzung des Systems ist daher folgende:

Die Parteispitze gibt eine Strategie vor.

Die Distrikte, eine Untereinheit einer Stadt, stehen im landesweiten Wettbewerb.

Zum Beispiel gibt es die Vorgabe, innerhalb von zwei Jahren eine Industrie für Künstliche-Intelligenz-Firmen aufzubauen. Ausgestattet mit finanziellen Mitteln kämpfen alle Distrikte um Talente, Start-ups und Firmen. Es werden Techhubs gebaut und Firmen mit besten Konditionen angeworben.

Nach zwei Jahren wird dann zentral entschieden, welche Cluster erfolgreich waren. Allen anderen Zentren wird das Geld entzogen.

Heißt, wer sich richtig anstrengt, bekommt später ein Monopol auf einen kompletten Wirtschaftssektor.

Dieses Anreizsystem sorgt dafür, dass sich selbst die kleinsten lokalen Behörden voller Energie für die Umsetzung der Parteistrategie einsetzen. Jeder Mitarbeiter von der Regierung, den Behörden und Verwaltungen hat großes Interesse an Wirtschaft, Start-ups und künstlicher Intelligenz. Die Karriere eines Beamten ist gekoppelt an den wirtschaftlichen Erfolg seiner Region.

Rang – alles hat seine Ordnung

Mir fiel übrigens die unausgesprochene Rangordnung auf. Es kann passieren, dass man tagelang immer nur mit einer Person spricht. Nur ein Chinese führt den Dialog mit dem Gast. Nur wenn er oder sie den Raum verlässt, wechselt der Ansprechpartner.

Beim Essen wird streng darauf geachtet, wer neben dem Gast sitzt.

Bei Konferenzen werden namentlich alle Politiker erwähnt, dann die Speaker.

Besonders Fototermine sind beliebt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass man konstant von 4 Fotografen betreut wird, die jeden Schritt dokumentieren.

Digitalisierung – ein Blick in die nahe Zukunft

In China kleben alle noch mehr am Smartphone als in Deutschland. Taxen kann man nur mit Alipay bezahlen. E-Mails sind out. WeChat dominiert den Dialog.

Der Staat findet das gut und fördert dies. Man glaubt, dass Computerspiele die Intelligenz fördern.

Für mich ist es übrigens eine Freude zu sehen, dass all diese digitalen Tools auch sinnvoll verwendet werden. Gleichzeitig ist man als Externer ausgeschlossen ohne chinesisches Konto oder SIM-Karte.

Verkehr – der hat seine eigenen Regeln

Ich fahre gerne Auto, aber nicht in China. Die Logik des Verkehrs verschließt sich mir. Ob rote Ampeln, rechts vor links, Geisterfahrer – hier wird ohne Sinn gefahren. Und doch gibt es kaum Unfälle.

Taxifahrer brüllen einen übrigens gerne an, verweigern einem die Mitfahrt oder lassen Dich 5 km hinter Deinem Ziel raus.

Sicherheitsgurte sind Mangelware, obwohl man diese dringend bräuchte.

Immerhin kosten 30 Minuten Taxifahrt nur 5 €.

Fazit – China wird die Nummer 1

China investiert unglaublich viel Energie und Kapital in die Zukunft. Ob es Technologien wie künstliche Intelligenz sind, der Bau ganzer Städte oder flächendeckendes 5G.

Wer so viel in die Wirtschaft und Infrastruktur investiert, der wird die kommenden 30 bis 100 Jahre davon profitieren.

China denkt in Dekaden. Dies ermöglicht eine langfristige, stabile und schon fast größenwahnsinnige Planung.

Kein Land dieser Welt kann mithalten. Europa ist bereits um Jahrzehnte abgehängt und verwaltet nur noch den Status quo.

Die USA sind zwar militärisch überlegen, aber investieren nicht ansatzweise genug in Bildung, Straßen, Städte, Gesundheit oder Technologie, um mitzuhalten.

Für mich ist das Endgame die Frage, wer kulturell das 21. Jahrhundert prägt. Wir Europäer sind unwichtig. Russland ebenso. Wir können nur navigieren und versuchen, mit beiden Seiten (USA und China) zu kooperieren.

Eine Krise wird kommen

Doch erst muss China durch eine Krise, denn ich habe folgende Probleme beobachtet.

Erstens: Es gibt massiven Leerstand. Überall stehen 50 % bis 90 % der Büros und Apartments leer. Selbst bei den Start-ups waren die Räume nur 1/3 gefüllt.

In China gibt es weiterhin mehr Schein als Sein. Mein innerer Kaufmann sagt mir, dass dies ein extrem negativer Cashflow ist. Derzeit wird alles vom Staat finanziert und dieser lockt mit kostenloser Miete.

Zweitens: Gleichzeitig ist der Markt für Immobilien abartig teuer. Für eine kleine Stadtwohnung in einer irrelevanten Stadt muss zwischen 8.000 € und 15.000 € pro Quadratmeter gezahlt werden. Für bessere Lagen springt der Quadratmeterpreis auch gerne mal auf 50.000 €.

Wir sehen hier eine riesige Spekulationsblase. Es wird viel mehr gebaut als nachgefragt. Die Preise sind super hoch (Nur im Vergleich: Du bekommst in Berlin für 4.500 €/m2 ausgezeichnete Wohnflächen).

Zusätzlich darf man das bebaute Land übrigens nicht behalten. Nach 70 Jahren fällt dieses zurück an den Staat.

In einem Land, wo die Bevölkerung deutlich weniger als in Deutschland verdient, sind die Immobilien eindeutig zu teuer. Familien zahlen 40 bis 50 Jahre ihre Kredite ab, denn Wohneigentum ist kulturell sehr wichtig für die Chinesen.

Dirk Müller beschreibt diese Dynamik sehr gut in seinem aktuellen Buch „Machtbeben“. Wir denken Griechenland, die USA, Italien oder Spanien hätten eine Immobilienblase? Dann ist die in China 100-mal größer. Wehe uns allen, wenn diese platzt.

China denkt noch nicht international

Auch fehlt es China noch an Internationalität. Globale Wettbewerber werden vom chinesischen Markt ausgeschlossen. Die chinesischen Konzerne trotzen vor Kraft und Kapital. Doch bisher wagen diese sich noch nicht außerhalb des Landes.

Klar, wir kaufen viel Hardware aus China, doch die Firmen selber bleiben bisher regional.

Die Führung ist komplett chinesisch. Die Firmensprache, selbst bei Giganten wie Alibaba, ist Chinesisch. Die Firmen haben extreme Probleme, Nicht-Chinesen zu integrieren.

Was Diversität und Internationalität angeht, hat die chinesische Wirtschaft einiges nachzuholen.

Ich sehe hier Potenzial für Europa. Es wäre zu begrüßen, wenn chinesische Firmen Standorte in Berlin, Paris oder London gründen würden. Büros mieten, lokale Mitarbeiter einstellen, den europäischen Markt mit Lösungen versorgen.

Aus meiner Sicht sollte Europa mit China kooperieren. Wir teilen uns eine Landmasse und Geschichte. Vielleicht lässt China uns dann weiterhin als Freilichtmuseum bestehen.

Wir brauchen eine europäische Strategie für künstliche Intelligenz

Auch wenn mein letzter Artikel etwas selbstkritisch war (Gefangen im Leben), waren es doch einige großartige Wochen für mich. Wir hatten eine fantastische Rise of AI Konferenz (Bilder und Eindrücke auf Twitter) mit 600 Gästen und großartigen und spannenden Vorträgen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat mich zweimal erwähnt (Künstliche Intelligenz Halbzeit – es steht 4:0 […]